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Finanzmarktkrise: Noten- banken müssen umdenken

Vom 04.09.2007:

Die Krise an den Finanzmärkten zwingt die Notenbanken weltweit zum Umdenken. Um negative Folgen für die Wirtschaft abzufedern, überprüfen die Zentralbanken ihre Geldpolitik. Die US-Notenbank Federal Reserve wird nach Einschätzung von Ökonomen voraussichtlich einen Richtungswechsel vollziehen und Mitte September den Leitzins von derzeit 5,25 Prozent erstmals seit vier Jahren wieder senken.

Für die Europäische Zentralbank (EZB) sagen die meisten Volkswirte voraus, dass die Währungshüter auf ihrer Sitzung an diesem Donnerstag die bereits angekündigte Zinserhöhung verschieben und den Leitzins bei 4,0 Prozent lassen werden. Ob sie den Schritt im Oktober oder November nachzieht, werde von der Situation abhängen.

"Die Finanzturbulenzen bestimmen derzeit die Geldpolitik", sagt Citigroup-Chefvolkswirt Jürgen Michels. Die US-Immobilienkrise war im August nach Europa herübergeschwappt, als mehrere Banken wie die Mittelstandsbank IKB und später die SachsenLB Verluste einräumten. Die Geschäftsbanken leihen sich wegen des Misstrauens nicht im üblichen Mass Kredite, so dass die kurzfristigen Zinsen an den Geldmärkten kletterten. "In dieser Situation sollte die EZB nicht mit einer Zinserhöhung zusätzliches Öl ins Feuer giessen", sagt Marco Kramer von Unicredit/HVB.

Die Lage bleibt angespannt, weil die Auswirkungen der Krise immer noch nicht absehbar sind. Derzeit sehen die Ökonomen aber noch keine Anzeichen für eine Kreditklemme bei der grossen Mehrzahl der Unternehmen und Verbraucher. "Ein Verzicht auf eine Zinserhöhung würde helfen, die Finanzmärkte zu stabilisieren", sagt Michels. "Gleichzeitig würde die Gefahr verringert, dass die Probleme auf die Realwirtschaft übergreifen." Mit billigen Krediten könnte ein Konjunkturabschwung verhindert werden, höhere Zinsen verteuern dagegen Kredite für Verbraucher und Unternehmen und können das Wachstum dämpfen.

Die US-Fed hatte bereits Mitte August den Diskontsatz gesenkt, den zentralen Leitzins aber zunächst nicht angetastet. Die Fed werde "alle notwendigen Schritte unternehmen, um nachteilige Auswirkungen auf die Wirtschaft zu begrenzen", sagte Fed-Chef Ben Bernanke vor wenigen Tagen und schürte damit die Spekulationen auf eine Zinssenkung. Sowohl US-Fed als auch EZB hatten bereits im August schnelle Abhilfe geschaffen und mehrfach zusätzliche Milliardensummen als Finanzspritzen zur Verfügung gestellt.

Manche Experten kritisieren, dass die Notenbanken mit billigem Geld Investoren aus der Klemme helfen. Banken und Anleger könnten weiter sorglos mit Risiken umgehen, weil sie sich auf die Hilfe der Notenbanken verlassen könnten. "Diese Geldpolitik und Zinssenkungen sind die falsche Therapie", sagt Thorsten Polleit, Chefvolkswirt von Barclays Capital. "Es wäre trügerisch zu glauben, die Krise würde auf diese Weise aus der Welt geschaffen - sie würde lediglich in die Zukunft verschoben."

Selten herrschte vor einer EZB-Sitzung so viel Unsicherheit wie dieses Mal. Europas oberster Währungshüter Jean-Claude Trichet hatte die Zinserhöhung Anfang August angedeutet, sich vor einer Woche aber davon mit den Worten distanziert: "Das war vor den Marktturbulenzen, die wir seit dem 9. August weltweit und in Europa zu verkraften hatten."

Dennoch wird die EZB nach gängiger Meinung nicht von ihrem Kurs abweichen. Wegen des wirtschaftlichen Aufschwungs und der damit verbundenen Inflationsgefahren hatte die Notenbank seit Ende 2005 die Zinsen auf 4,0 Prozent verdoppelt. Bis Jahresende rechnen die meisten Beobachter mit einem weiteren Schritt. 2008 könnten die Zinsen längere Zeit stabil bleiben.

Für eine Erhöhung spricht weiterhin die gute wirtschaftliche Entwicklung im Euro-Raum und die Inflationsgefahr. "Die Löhne ziehen an, Milch und Butter werden teurer und die Ölpreise sind gestiegen - diesem Inflationsdruck darf die EZB nicht nachgeben", sagt Rainer Guntermann von der Dresdner Bank/Allianzgruppe. Im August blieb die Inflation im Euro-Raum mit 1,8 Prozent aber unter Kontrolle. Auch das schnelle Wachstum der Geldmenge M3 (Bargeld, Spareinlagen) werten viele Volkswirte als Indiz für weitere Zinserhöhungen.



(Quelle: dpa)

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